15. Februar 2020

Turandot – Alexey Bogorad.
Staatlich Akademisches Opern- und Balletttheater Jekaterinburg

18:00 Uhr, Parkett links, Reihe 3, Platz 16



Heute gab es in der Ural-Metropole eine zumindest an vielen deutschen Bühnen beinahe ausgestorbene Spezies zu bestaunen: Eine Inszenierung, die nichts will als illustrieren. Und das in jeder Wortbedeutung. Zum einen dienen Ausstattung und Personenregie einzig und allein dazu, die Handlung möglichst klar und eindeutig zu vermitteln, ohne den Inhalt – wie fast immer im „modernen“ Regietheater – in Bezug zu vergangenen oder aktuellen Entwicklungen zu setzen, ihn zu kommentieren, ihn zu interpretieren. Die Verortung erfolgt dementsprechend in einem „historischen“, oder besser phantastischen China grauer Vorzeit.

Zum anderen steht damit einhergehend die illustrative Qualität von Bühnenbild und Kostümen in Bezug auf Schauwerte im Vordergrund: Reich verzierte, opulente Gewänder oder ein imposanter Thron für den Kaiser. Dabei reflektiert die Wahl der Kleidung durchaus den Inhalt des Stückes. So ist das einfache Volk in einer Art uniformen Sackleinen auch optisch klar vom bunten, samten und seidenen Pomp des Hofstaates zu unterscheiden, das in den aufwändigst gearbeiteten Kleidern und Frisuren der Prinzessin kulminiert. Kalaf und seine Gefolgsleute wiederum trennen sich davon mit ihrem eigenen, „tatarischen“ Stil.

Auch die Funktion des Bühnenbildes geht über reine Beeindruckungs-Kulisse hinaus: Zwei hohe, halbrunde, bewegliche Wandelemente, die mittels Treppen oben begehbar sind, rahmen das kreisrunde Zentrum der Bühne ein und können es bei Bedarf komplett von den Blicken der Zuschauer abschirmen. So sind schnelle Dekorationswechsel zwischen den einzelnen Bildern ganz ohne Drehbühne, einzig mit genügend Muskelkraft von Chor und Statisterie möglich – nur einmal blieb die Mechanik, offenbar auf Rollen gelagert, hängen, konnte aber durch ein beherztes Hau-Ruck-Verfahren wieder auf Spur gebracht werden.

Sparsam eingesetzte Projektionen runden das Visuelle ab und liefern eine weitere Ebene, mit deren Hilfe Inhaltliches kenntlich gemacht werden kann – eben all das, was gegenständlich nicht unbedingt wirkungsvoll zu lösen wäre. So geht die Projektion des roten Mondes an entsprechender Stelle in einen Totenschädel über, wenn das grausame „Spiel“ der Prinzessin thematisiert wird, ebenso beim Auftritt des persischen Prinzen. Die Animation eines Baumes, der zwar wächst, blüht erst mit der Vereinigung des Paares zum Finale des dritten Aktes richtig auf – einfache, aber auch eindeutig zu dechiffrierende Bilder.

Ich würde behaupten, dass man auch ohne Italienischkenntnisse und Zuhilfenahme der Übertitel (In Jekaterinburg gut lesbar für alle des Kyrillischen Mächtigen seitlich an den Proszeniumslogen angebracht) zumindest den groben Gang der Handlung absolut verständlich übermittelt bekommt. Eine zutiefst einsteigerfreundliche Variante von Musiktheater. Und für all jene, die der Theateranteil der Produktion leicht unterfordert stimmen mag, hält das Musikalische mehr als genug Stimulanz bereit.

Herr Bogorad lässt das Orchester gleich vom Start weg explodieren, das im brüderlichen Wettstreit mit dem Chor die akustischen Grenzen des Hauses auszuloten sucht. Mir persönlich liegen Säle von mittlerer Größe wie dieser hier ausgesprochen, da ich Oper durchaus als physisches Erlebnis spüren möchte. Ist das Haus sehr groß, besteht immer die Gefahr, dass gerade die eruptiven Höhepunkte verpuffen. Natürlich soll das nicht heißen, dass Lärm eine vernünftige Dynamikregelung ersetzt, es verhält sich eher so, dass bei weniger Volumen einfach weniger forciert werden muss, um einen vergleichbaren Eindruck von Druck und Fülle zu erreichen.

Gleiches gilt für die Sänger, bei denen man sich oft mehr auf die stimmliche Qualität konzentrieren kann, denn auf die Fähigkeit, eine Riesenscheune zu beschallen. So kommt es trotz der die Extreme auslotenden Orchesterführung kaum zu Momenten, in denen die Sänger zugedeckt würden. Herr Bogorad scheint mir eher ein Freund der Kontraste im Ausdruck zu sein, der scharfe Ausbrüche dazu nutzt, das darauf folgende Liebliche und Feine noch wohliger wirken zu lassen. Hier und da ist man mit dem Chor nicht ganz zusammen, aber das kann im Eifer des Gefechts schon mal passieren.

Aus einer durchweg guten Ensembleleistung sticht Frau Perkhurova als Turandot noch einmal deutlich hervor. Ihr Sopran besitzt genau jene strahlende Autorität und Schärfe und gleichzeitig ungeheure Wärme und Zartheit, welche die Ambivalenz der Rolle zum Leben weckt. Ihre große Arie im zweiten Akt war definitiv der musikalische Gipfelpunkt des Abends und kann sich mit höchsten Ansprüchen messen. Gerade im (unfairen) Vergleich mit der ebenfalls sehr berührenden Leistung der Liu-Sängerin Frau Tenyakova, die mit einem wunderbar herzlichen, aber auch deutlich schlichteren Ton agiert, wird der Unterschied zwischen einer sehr schönen und einer ganz besonderen Stimme einmal mehr deutlich.

Herr Valiev als Kalaf bekommt standesgemäß für sein „Nessun Dorma“ eine kleine Bravo-Dusche. Er verfügt über den adäquaten Tenor-Stahl, wenn auch nicht von Gould’scher Durchschlagskraft oder Kaufmann’schem Schmelz. Dennoch mehr als solide. Darstellerisch ist er vielleicht am meisten von allen in das deskriptive Regiekonzept eingebunden. So zeigt er beispielsweise gestisch wie mimisch starkes Mitgefühl für das Schicksal seines Anwärter-Vorgängers oder zermartert sich kinnreibend mit tief in Falten gelegter Stirn bei den drei Rätseln das Hirn.

Dies mutet das ein ums andere Mal wie aus vergangener (Stummfilm-)Zeit an, fügt sich aber ebenfalls in den „illustrativen“ Ansatz. Die kleineren Rollen sind ordentlich besetzt, obgleich das Minister-Trio eine Spur spritziger hätte ausfallen können – so gehörten die an sich gewitzten, scherzoartigen Passagen zu den schwächeren der Aufführung. Dafür wurde gerade bei den Massenszenen nicht an Pathos gespart, und das Ergebnis hat definitiv Eindruck hinterlassen.

Was bleibt ist ein Abend ganz für die Musik, was ja nicht das Schlechteste ist angesichts dieser herrlichen Partitur. Es wäre wirklich interessant gewesen, Puccinis Lösung für diese im doppelten Sinne unwahrscheinliche Liebe zu hören – sofern er denn überhaupt eine ihn zufriedenstellende gefunden hätte. Alfanos Finale ist ganz sicher nicht ohne Wirkung, aber eben kein invertierter Liebestod. Aber vielleicht war es besser so, die Liebe aus dem Märchenland mit Glanz und Gloria zu feiern, wenn der Maestro selbst an der Suche nach dem Menschlichen auf den Trümmern des Unmenschlichen zu scheitern drohte. Turandot – faszinierend und letztlich unbarmherzig gegen alle, das passt doch.


Turandot, Oper in drei Akten
Musik – Giacomo Puccini
Libretto – Giuseppe Adami, Renato Simoni

Musikalische Leitung – Alexey Bogorad
Regie – Jean-Romain Vesperini
Chor – Elvira Gaifullina
Bühne – Dirk Hofacker
Licht – Christophe Chaupin
Video – Ilia Shusharov
Assistenz – Yaroslavia Kalesidis

Turandot – Anna Perkhurova
Kalaf – Ilham Valiev
Liu – Olga Tenyakova
Timur – Mikhail Korobeynikov
Ping – Valery Gordeev
Pang – Igor Leus
Pong – Sergey Osovin
Kaiser Altoum – Dmitriy Rozvizev
Mandarin – Yuriy Devin

Orchester und Chor des Staatlich Akademischen Opern- und Balletttheaters Jekaterinburg

20. Januar 2020

Münchner Philharmoniker – Valery Gergiev.
Elbphilharmonie Hamburg.

20:00 Uhr, Etage 12, Bereich D, Reihe 3, Platz 4



Claude Debussy – Le martyre de Saint Sébastien /
Sinfonische Fragmente /
Fassung für Sinfonieorchester von Désiré-Émile Inghelbrecht

(Pause)

Richard Wagner – Tristan und Isolde / Zweiter Aufzug

Münchner Philharmoniker


Martina Serafin – Sopran
Yulia Matochkina – Mezzosopran
Andreas Schager – Tenor
Miljenko Turk – Bariton
Mikhail Petrenko – Bass
Dirigent – Valery Gergiev


Der Zahnstocher-Maestro ist zurück mit einem weiteren Riesenprogramm: Zwar nicht das komplette Martyrium des Sebastian, aber zumindest die sinfonische Essenz daraus, fungiert heute lediglich als Klangfarben-Mischübung, um nach der Pause den gesamten zweiten Tristan-Akt auf die Bühne der Elbphilharmonie zu hieven. Dabei hatte der mir bis dato unbekannte Debussy an gleicher Stelle in der halbszenischen Präsentation durch die Hamburger Symphoniker (Link) bereits vor nicht ganz einem Jahr mein Interesse geweckt. Dass den Franzosen Wagner, insbesondere der Parsifal, ungeachtet aller späteren Äußerungen, nicht ganz kalt gelassen haben kann, wurde seinerzeit und heute wieder ohrenkundig.

So gehören die vier rein orchestralen Abschnitte zum Beeindruckendsten und Schönsten aus dem mir bekannten sinfonischen bzw. programmmusikalischen Schaffen Debussys – für mich persönlich angesichts der subtilen Komplexität, harmonischen Kühnheiten und Bandbreite der Stimmungen von morbide bis transzendental weitaus spannender als die ungleich häufiger gespielten Werke des Komponisten. Gergiev und seine Philharmoniker bleiben dabei ihrer Extraklasse treu, der Maestro bestätigt einmal mehr meinen Eindruck, ein besonderes Händchen für Nuanciertes, Fließendes zu besitzen.

Bezogen auf Orchesterleistung und vor allem Dirigat lässt sich diese exemplarische Qualität ebenso nach der Pause beim Tristan feststellen. Gergiev macht gleich ordentlich Tempo und portraitiert das hitzige Zusammentreffen der Liebenden wahrlich als elektrisierenden Rausch. Hier werden keine Gefangenen gemacht. Überhaupt sind die Geschlossenheit und immersive Kraft der Interpretation dieses riesigen Akt-Marathons bemerkens- und bewundernswert. Das ist keine Selbstverständlichkeit – das Schlimmste, was diesem nicht enden wollenden Konversationsstück passieren kann ist, dass es auseinanderfällt und dann langatmig wird.

Gleichzeitig steht selbst die beste Interpretation, die mitreißendste Orchesterleistung letztlich im Dienste, die Fixpunkte eben dieser Konversation bestmöglich zu unterstützen – das namensgebende (Sänger-)Paar. Brangäne ist eine berührende Rolle in ihrer Zerrissenheit als gleichzeitige Mahnerin und Komplizin, aber wenn man nach der Aufführung feststellen muss, dass Frau Matochkinas Stimme vom Ausdruck und Timbre her jene der beiden Hauptpartien übertroffen hat, ist das nicht das Beste Zeichen.

Ich schätze Herrn Schager sehr für sein klares, strahlendes Forte. Im Lied von der Erde, ebenfalls unter Gergiev, (Link) hätte ich mir die Tenorpartie kaum besser denken können, so kraftvoll, ja teilweise regelrecht scharf gegen das Schicksal ansingend. Für den Tristan, gerade den zweiten Akt und seine überirdische Zauberwelt der „Nacht der Liebe“, besitzt Schager jedoch nicht die nötige Wärme und Verletzlichkeit in der Stimme. Gleiches möchte ich zumindest in Teilen auch der insgesamt tadellos agierenden Frau Serafin unterstellen.

Es hat sich heute wieder bewahrheitet, dass diese Partitur mit seinen Partien nicht nur auf inhaltlicher, philosophischer Ebene Übermenschliches zu behandeln sucht, sondern dabei in gewisser Weise unmenschliche Wege geht, gehen muss. Auch Mikhail Petrenko ist erfahrungsgemäß ein wunderbarer Bass – wenn man jedoch ein- (oder gar zweimal) René Pape als König Marke erleben durfte, ist man wohl zeitlebens für diese Rolle verdorben.

Womit ich wieder einmal im Reich der Gedankenspiele angekommen wäre. Gibt es sie überhaupt – die ideale Isolde, den idealen Tristan? Hat es sie je gegeben? Wie sehr verklärt man Windgassen, Nilsson & Co. im heimischen Tonträger-Mausoleum? Ich weiß es nicht. Was ich weiß bzw. feststellen muss, dass ich mich bereits live dieser Utopie einer Vollendung des Vollendeten durchaus näher gefühlt habe, sei es in München (Link), sei es in Bayreuth (Link).

Inwiefern die Lebendigmachung des Stoffes auf der ihm angestammten Opernbühne dazu beigetragen haben mag, lässt sich nachträglich kaum bemessen. Das ist auch unerheblich. Was zählt ist, dass auch an diesem heutigen Abend das Versprechen gegeben wurde, das Bestmögliche im Dienste eines der größten Werke überhaupt zu geben. Darüber lässt mich auch seine („nur“) teilweise Einlösung mit der alles andere als einfach zu greifenden Mischung aus Verzückung und Verwundung in meinen Sessel sinken.

20. Dezember 2019

Orgel pur – Iveta Apkalna.
Elbphilharmonie Hamburg.

19:00 Uhr Einführung, 20:00 Uhr, Etage 12, Bereich B, Reihe 4, Platz 8



César Franck – Pièce héroïque h-Moll M 37
César Franck – Prélude, fugue et variation h-Moll M 30 op. 18 /
6 Pièces d'Orgue
Louis Vierne – Sinfonie Nr. 3 fis-Moll op. 28 für Orgel (Auszüge)

(Pause)

Camille Saint-Saëns / Alexandre Guilmant – Marche héroïque
Es-Dur op. 34
Charles-Marie Widor – Sinfonie Nr. 5 f-Moll op. 42/1

Zugabe:
Naji Hakim – Étude-Caprice »alla russa« / aus:
Quatre Ètudes-Caprices pour Orgue pédalier solo

(Iveta Apkalna – Orgel)



Einführung wie immer sehr interessant, obgleich sich Herr Cornelius in der Absicht ein klein wenig verfranste, die Besonderheiten der Französischen Orgelmusik des 19. Jahrhunderts und gleichzeitig die Elbphilharmonie Orgel möglichst umfassend vorzustellen. Ich fand’s gut, auch wenn es schon sehr ins Detail ging.

Franck: Piece Heroique immer noch ein Knaller. Vielleicht hier bezogen auf die Dynamik nicht ganz so differenziert präsentiert, wie ich es kennengelernt habe, aber definitiv mit dem nötigen Schmackes am Schluss.

Vierne: Der bekannte Unbekannte – hab ich das Stück etwa auf CD, oder nur andere Werke von ihm? Unbedingt auch den ersten Satz noch mal anhören. Der zweite keck, verschroben, tänzerisch, mit Walzerelementen, die entfernt an Ravel erinnern – schräg. Der dritte sehr intensiv, Parallelen zu Wagner, Liebestod-Steigerung – heftig. Der vierte virtuos-wuchtig, die Rhythmik nicht immer ganz klar zu erfassen, trotzdem sehr beeindruckend.

Saint-Saens: Der Marsch pustet mit seiner forschen, dahinpreschenden Art die Pausenlethargie hinfort, dabei überaus eingängig. Der ruhige Mittelteil hält dann delikat inne, ehe der Drive des Anfangs zurückkehrt und das Stück brillant beschließt. Könnte auch einer Opernszene à la „Einzug der Gäste“ sehr gut zu Gesicht stehen.

Widor: Über die abschließende Toccata ist bereits alles gesagt worden, ich persönlich höre die Sinfonie am liebsten in Gänze. Mein Lieblingssatz ist vielleicht der erste, wie es sich in Variationen immer weiter entwickelt und türmt. Besonders die Verschiebungen in der Harmonik gegen Ende bereiten mir jedes Mal Gänsehaut. Das anschließende Allegro cantabile schafft mit seiner nachdenklich-wehmütigen Stimmung einen schönen Kontrast zur Wucht des Kopfsatzes. Sein Mittelteil öffnet dann noch mal eine ganz andere Tür im Kosmos – gütig, lieblich, in sich ruhend, mit der Assoziation von Vogelrufen. Das Andantino verströmt für mich etwas Stolzes, Erhabenes, die Steigerung in seinem schnellen Teil ist wie ein Weckruf. Das Adagio wiederum verströmt Wärme und Geborgenheit pur – gewisse Karfreitagszauber-Vibes sind nicht von der Hand zu weisen. Und die Toccata – ist eben die Toccata. Besser kann man ein solches Werk und einen solch gelungenen Orgelabend wohl nicht beschließen.

Doch halt, Frau Apkalnas Zugabe hatte es ebenfalls in sich – in den Füßen, um genau zu sein. Der Saal tobte ganz zu Recht.

12. Dezember 2019

NDR Elbphilharmonie Orchester – Krzysztof Urbański.
Elbphilharmonie Hamburg.

19:00 Uhr Einführung, 20:00 Uhr, Etage 13, Bereich E, Reihe 4, Platz 19 



György Ligeti – Atmosphères
Jean Sibelius – Konzert für Violine und Orchester d-Moll op. 47
(Joshua Bell)

Zugabe des Solisten:
Frédéric Chopin – Nocturne Es-Dur op. 9/2

(Pause)

Mieczysław Weinberg – Sinfonie Nr. 3 op. 45



Zur Abwechslung mal ein anderes Gesicht bei der Einführung – kein Wunder, ist es doch meine erste NDR-Einführung seit Ewigkeiten. Herr Hodeide gibt zu jedem Werk eine Kurzvorstellung des Komponisten inklusive zeitlicher Einordnung sowie knapper Strukturanalyse. In dieser beleuchtet er neben den Aufbau auch kompositorische Besonderheiten, die dazu herangezogenen Musikbeispiele sind schlüssig gewählt und setzten den wohl eher wenigen vertrauten Weinberg in Verwandtschaft zum allbekannten Schubert. Darüber hinaus machen sie Lust auf das Werk, ohne zu viel vorwegzunehmen. All das präsentiert Hodeige ohne Umschweife, einzig vielleicht eine Spur zu mechanisch, wobei er beispielsweise Fachtermini stets im gleichen Atemzug erläutert – hier und da eine kleine Anekdote würde dem Ganzen wahrscheinlich gut tun – Stichwort persönliche Note.

Ligeti: Hoffnungsschimmer – Top-Klang, sehr kluge Dynamikregelung, generell sehr leise, gefällt mir ausgesprochen gut (Ohne Metrum kann Urbanski ...), Intonation weitgehend rein, das An- und Abschwellen funktioniert tadellos. Respekt, sehr verblüffende Wirkung. Für solche Werke wurde die Elbphilharmonie gebaut, leider gibt es kein adäquates Publikum dafür.

Sibelius: Klanglich weiterhin prima, auch hier sehr leise Grundlautstärke. Aber die Interpretation leider spannungslos. Es zieht sich – das sollte es nicht. Bell auch nicht so mein Fall: zu wenig Feuer, recht brav, nicht immer intonationsrein. Zugabe spricht Bände: Schmalz pur mit seiner eigenen Chopin-Version (Nocturne): Kitsch, süßlich-klebrig und ein bisschen Lamettagirlanden zum Schluss – und alle sind begeistert. Fast wie bei Rieu.

Weinberg: kein abschließendes Urteil. Sätze 1 und 2 aufs erste Hören wenig beeindruckend – gefälliger Schostakowitsch. Eingängig, lieblich, weniger komplex – bisschen Unterforderung. Adagio-Beginn auch eher seicht, dann aber mit deutlich intensiverer Entwicklung. Düsterer, spannungsgeladen. Finale auch kein happy Rausschmeisser, irgendwie ernster, fordernder. Hier und da interessante Instrumentierung. Der Klang überzeugt auch hier, einzig das Dirigat sieht schlimm aus, funktioniert aber.

Fazit: Ein ganz netter Abend.

4. Dezember 2019

Die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen –
Paavo Järvi. Elbphilharmonie Hamburg.

20:00 Uhr, Etage 12, Bereich B, Reihe 3, Platz 6 



Johannes Brahms – Konzert für Klavier und Orchester Nr. 1 d-Moll op. 15 
(Igor Levit)

Zugabe des Solisten:
Franz Schubert – Allegretto As-Dur aus: Moments musicaux D 780

(Pause)

Joseph Haydn – Sinfonie Es-Dur Hob. I/103 »Mit dem Paukenwirbel«

Zugabe:
Ludwig van Beethoven – Allegro molto e vivace aus:
Sinfonie Nr. 1 C-Dur op. 21



Herrn Levit beim Klavierkonzert gewissermaßen auf dem Schoß, bzw. als staunendes Äffchen auf der Schulter zu sitzen, mag den akustischen Gesamteindruck vielleicht in subjektivere Gefilde gelenkt haben als sonst, erwies sich jedoch angesichts der sich dadurch ergebenden fokussierten Innensicht auf sein Ausnahmekönnen als äußerst gute Wahl. In Kombination mit Järvis gewohnt knackiger Lesart, durch die er mit seiner Kammerphilharmonie an gleicher Stelle Brahms bereits einer symphonischen Frischzellenkur unterzog (Link), wurde auch diese verkappte Sinfonie mit obligatem Klavierpart zur energischen Offenbarung.

Wilde Entschlossenheit, mürrischer Ernst, ja Verzweiflung wechseln sich im Kopfsatz fast sprunghaft mit zarter Wehmut und Versonnenheit ab. So extrem als emotionale Achterbahnfahrt habe ich diesen Satz wohl noch nicht erlebt – ein ausgesprochen mitreißender, berührender Ansatz. Das Konzept starker Kontraste im Ausdruck setzt sich dementsprechend auch satzübergreifend fort, vom kolossalen Ersten über den kontemplativen Zweiten zum furiosen Kehraus des Finales. Wenn es einem dann noch vergönnt ist, von der Hingabe und Leidenschaft, die Levit in dieses Werk investiert, aus nächster Nähe beschienen zu werden, weiß man, spürt man, wie viel diese Musik zu geben vermag. Die Schubert-Zugabe ist wie ein süßes Versprechen auf weitere wunderbare Klavierabende.

Nach der Pause „lediglich“ den Haydn zu bekommen, hatte mich im Vorfeld ehrlicherweise nicht unbedingt in Verzückung versetzt. Aber selbst ein Banause wie ich kommt nicht umhin, die Klarheit, die Frische, den Verve im Umgang mit dieser Musik dankbar zur Kenntnis zu nehmen, welche Järvi dem alten Schinken entlockt. Überhaupt Järvi, der Schelm – macht Faxen, blickt angesichts imitierter Vogelrufe in der Partitur scheinbar irritiert gen Saaldecke, dreht sich mit hochgezogener Augenbraue zum Publikum um. Und das alles – wie auch immer er das macht – ohne aufgesetzt oder affig zu wirken. Gewissermaßen spiegelt er nur das Gewitzte Haydns, ohne jedoch aus dessen Musik eine Show zu machen. Eine pfeilschnelle Beethoven-Zugabe beschließt diesen ungetrübt labenden Abend.